Texte/Gedichte/Kai Savelsberg

Stille Post

Brief 1

Kunst ist (vielleicht) die Summe aller Gedanken, die man sich gemacht und (noch) nicht gemacht hat.
Dem Nichtgedachten auf die Spur zu kommen ist aber nur ein Gedanke von vielen, der zur Summe aller führt. Auch das tausendfach Gedachte kann mit jedem Mal ein Schritt in die Summe allen Seins sein. Und selbst Rückschritte, Ausfallschritte und Fehltritte summieren sich zu Erinnerungen, die, als Teil der Summe, klüger, vorsichtiger, neugieriger machen. Wer denkt die Summe der Kunst zu kennen oder denkt die Summe der Kunst wäre gleichzusetzen mit der Summe für die Kunst, der irrt, so denke ich, aber das ist auch nur so ein Gedanke. Denken lohnt in Zeiten der erdachten Denkverbote hier und des Verbotsdenkens dort. Kunst ist Kunst, vielleicht, so wie ein Geistesblitz von heute schon morgen nicht mal den Urheber begeistert. Vielleicht ist Vielleicht vielleicht, vielleicht weil oder obwohl (?) viel Viel Vieles auch nicht leichter macht. Postfaktisch gesehen ist Kunst die banale Antwort auf eine Hyperrealität, die nur noch schweigt um dem Seufzer der eigenen Unglaublichkeit Ausdruck zu verleihen. Satiriker reiben sich die verwunderten Augenränder ob der faktischen Satire, in die ihre Augenpaare starren und verweigern jedwede Übertreibung der Unterbietung des schlichten Denkens. Leise müsste die Kunst sein und lauter, konzentrierter, weniger bedächtig, sondern mit Bedacht gedacht, gut gemacht, allemal, hier und da, ein ums andere Mal gesehen und vergessen. Zu viel vom Gesehenen ist wohl nicht weitergedacht, zu früh verlacht, vergessen und nie wieder aufgegriffen worden. Wenn alles schon mal da war, wer hat es je (alles) gesehen? Mein Nichtgedachtes ist vielleicht dein Undenkbares, ihr Gedankenkreisel und sein letzter Gedanke. Leise wird die Gedankenwelt, wenn sie erlischt, also denke ich, dass wir denken sollten, solange die Gedanken frei sind, denn wer will die Antithese in Gedanken verbieten. Also denk ich mir meinen Teil und schweige. Stillschweigend überlagern sich Kunst und Künstlichkeit zur Süßlichkeit des Abendlandes, das es gar nicht nötig hat abgeschafft zu werden, das schafft es schon allein. Allein, wen interessiert’s, wenn alle durcheinander denken und Gedanken Unerschütterlichkeit atmen und zuweilen kotzen. Muße täte Not, multipliziert mit Mut, welche Kunst, Gedanken als Tauschmittel einer kindlich erwachsenen Achtsamkeitsgesellschaft, die verrückt genug wäre sich selbst ab und an einen fingerbreit zu verrücken um sich nicht zu sicher zu sein, damit das Unvorhersehbare zumindest nicht ungedacht bliebe.





DANN …
Wenn der Kopf auf die Decke fällt,
und die Tat dem Vorsatz ein Beinchen stellt,
wenn sich das Nichts in allem auflöst
und ein Versprecher sein Versprechen einlöst,
wenn die Schweinehunde vor die Hunde gehen
und die Besserwisser die Welt nicht mehr verstehen,
wenn die Glaubenden den Ungläubigen glauben
und die Verbote alles erlauben,
wenn sich die Taschendiebe in die Taschen lügen
und sich die Eingebildeten nicht mehr selbst genügen,
wenn die Gewissheit überlegt,
und die Beute die Fallen legt,
wenn die Vernunft sündigt,
und die Gewohnheit kündigt,
wenn das Maß über die Stränge schlägt,
und der Versuch mal nicht abwägt,
wenn kein Stein mehr auf den andern passt
und jeder keine Chance verpasst,
wenn alles knarzt und knackt und sinkt
und alles rebelliert und stinkt,
wenn das Heute schon an morgen denkt
und sich das Morgen an gestern verschenkt,
wenn das Wenn jede Bedingung knüpft,
und dann das Dann im Kreise hüpft,

ich sag dir was,
dann endlich passiert mal was!



KÖNNT SEIN
Könnt sein, ich weiß nicht was ich tu.
Könnt sein, ich hör mir gar nicht zu.
Mag sein, morgen weht ein andrer Wind,
Mag sein, ich bin vor lauter Neugier blind.
Und was soll ich jetzt wohl tun,
aus reiner Vorsicht plötzlich ruhen?
Und was wenn eine neue Welt erwacht,
hat das die Vorsicht auch bedacht?
Könnt sein, ich verlier dies gewagte Spiel,
könnt sein, das war vielleicht das Ziel.
Mag sein, alles war vertane Zeit,
mag sein, sie war noch nicht so weit.
Und was ändert das nach alledem,
wollt ich es neu oder nur bequem?
Und was wenn keiner mehr dafür brennt,
für das was man bis hierher noch nicht kennt?
Könnt sein, der Konjunktiv regiert die Welt,
könnt sein, dass er die Welt erhält.
Mag sein, ich hätt und könnt und sollt,
wohl besser nicht gekonnt oder gewollt,
aber was änderte das am Schluss,
wo alles ist und bleibt und muss?



UNSCHULD
Unschuld mittelt Leben,
hebt Wert wo Erfahrung bebt.



DAS ORCHESTER DER DIRIGENTEN
Wo alles nicht alles ist und nichts nicht Nichts sein muss,
dort senken die Naserümpfer geläutert ihr Haupt und
glauben wieder an den Sieg der Möglichkeit, weil Vertrauen lohnt und belohnt.
Anarchie, die statt dem Chaos die Suche besucht, kann sein, was keiner je erträumte,
denn selten bleibt selten selten und nicht immer ist immer immer.

Wo oben das neue Unten ist und unten keiner das Oben vermisst,
dort steht den Kleingeistern das Oberwasser bis zum Hals, so sollen sie
im Trüben üben, was Phantasie vermag und vermacht.
Verlust, der einen Gewinn in sich birgt mag schmerzen, aber Illusion sucht nach Relation,
denn wie du mir, so ich dir und du und ich sind zusammen immer noch wir.

Wo jeder nichts hat und das Nichts jedem gehört,
dort recken die Utopisten die Hände in die Luft und wissen doch
nichts, aber es hilft kein Schaum vor dem Mund, die Welt war und ist nun mal bunt.
Demut, die ihrem Sinn entspricht, hört zu und denkt und schweigt, wo es keines Wortes bedarf,
denn keiner weiß was ist und war und wird, weil keiner wie jeder fühlt und denkt und glaubt.



BLUMENGEWITTER
Ich schenkte Blumen, „war stets bemüht“,
ertrug ein feurig wankendes Gemüt,
genutzt hat es am Ende nur dem Florist,
der auch tragischer Liebe stets zu Diensten ist.



SCHMETTERDINGE
Ich liebe, also spinn ich.



VON IHR
Über meinem Bett hängt ein Bild von ihr.
Auf meinem Schreibtisch steht ein Bild von ihr.
In meinem Kopf kreist ein Bild von ihr.
In ihrem Kopf ist sie, nur sie.
Sie hat sich und ich hab sie.





EVOLUTION spaziert seitwärts, kopiert sich durch sich und mich und dich, legt sich wie Übermorgentau auf Vergangenes und Begangenes, strömt leise, verändert Rezepturen auf Makro-Art und weise Weise, die der Mensch als Ewigkeiten atmet und erschafft Kraft durch Verdrängung, durch Entengung, durch Abschliff das Riff beständiger Wiederholung der Erneuerung, durch optimiertes Revidieren und durch freudiges Rezitieren, Altes erneut, Neues zerstreut, Jungfräuliches gekreuzt, so, sozusagen logisch für alle, die mit offenen Augen erleben, mit geweitetem Geist nach Bauchgefühl streben, mit allen Sinnen erkennen, dass sich die Gewissheiten nun endlich bekennen und nun die Kunst der Langsamkeit, die Geduld der Annäherung und die Natur der Überlagerung gewinnen, welche die Evolution wie Haut mit sich trägt und alle Dinge damit beginnen, die magisch sind, die tragisch sind, die neugierig tief und neuschwierig hoch sind, bis Überlebenskraft schwindet und sich Metamorphose nicht länger windet, einfordert, aufdrängt, schlussunendlich die Unschuld verliert und Gewinn als obsessive Kernmarke etabliert, die krude Wege manifestiert, die beschritten schwerlich als ihr einziges Ziel begriffen werden sollen, weil alle wollen was alle wollen, weil einzig der Zielstrich zählt, weil jeder, vor die Wahl gestellt, alles auswählt, weil hastiges Werden bedeutenderes Sein verspricht, weil jeder auch noch sich selbst aussticht, weil sich der Unbedachte der Schizophrenie einer kollektiven Egozentrik hingibt, die sich kleingeistig gibt, im Kern aber allmachtsphantastisch ist und irrt, gleich einer Einzigartigkeit, die als Alleinstellungsmerkmal missverstanden wird, ohne den Hauch von Bescheidenheit, geschweige denn Demut vor der Schöpfung erkennen zu lassen, einer Schöpfung, die erschöpft ist vom Bloßnichtverpassen, von der unsäglichen Spiegelseligkeit, der unglaublichen Selbsterfülltheit, der postnaiven Antianimismen und reaktionären Anachronismen, müde ist vom Anderssein, vom Bessersein, vom Größermannssuchen, vom All-in-buchen, aber …
… waren wir je gleicher als heute, machten wir je gleichere Beute, waren wir je kleinlauter, je unvertrauter, je fremdbestimmter, je unbestimmter, bei all der Gleichheit, zugleich so fern von Gleichheit, im vollendeten Besitz der Übermacht über alle Geschöpfe zwar, aber unterbewusst gewahr, dass wahrer war was war, konform im blinden Streben, uns in diesem einen Leben alles zu geben, alles erwartend was wir längst unser eigen nennen, nur um uns in unserer eigenen Kopie zu erkennen, was wiederum Langeweile erzeugt, Leere, die sich über unseren Hochmut beugt, Stumpfheit, die sich zu schärfen sucht findet Gleichgültigkeit, die auch dann noch Sanftmut vermeidet, wenn sie sich ins ureigene Überlebensfleisch schneidet, ins Uferlose unterwegs ist, ohne zu ertrinken, weil das Fett oben schwimmt und die Ströme der Gezeiten mit vermeintlichen Sicherheiten winken, so wandeln wir, wie eh und je das Innehalten negierend, geschichts- und erinnerungsvergessen der Müßigkeit entsagend, durch eine Welt, die sich schneller wandelt als die Evolution handelt, die sich keine Atempause erlaubt, die sich lieber selbst beraubt, weil alles weiter gehen muss, weil der Kopf oben bleiben muss, weil Zukunft immer jetzt gleich passieren muss, dafür nehmen wir in Kauf, dass wir den Sinn nicht kennen und saugen all jenes auf, was man nicht kaufen kann, was man durch nichts ersetzen kann, jedes kleine Stückchen Frieden mit unseren Schweinehunden, mit allen altvertrauten Wunden, denn wir sind emotional unterversorgt, zutiefst besorgt, lauthals bis hierher, im Leichtsein schwer, fröstelnd gut drauf, im gehetzten Dauerlauf und als so genannte Gewinner, ausgestattet mit der Chuzpe von Helden, die gute Miene vermelden, die löwengleich die Prärie durchschreiten, dünne Luft verbreiten und doch mit den Wölfen heulen und jagen, die uns in ihrer Kaltblütigkeit zusagen, denn der Verlust ist auch unser Gewinn, bis wir selbst zur Beute werden ist der Tod unser Beginn, denn wenn wir Schwäche also Stärke zeigen und flüchten um zu bleiben und bleiben um unsere Überzeugungen nicht länger der Stimmung nach zu neigen, die als Hindernis des Rudels gelten, das folgt um nicht als verfolgt zu gelten, dienen wir einmal nicht den Hierarchien, die den Ablass bedienen, die ohne jeden Zweifel ohne Zweifel sind, die kühn sind und für den Absturz blind, Alphatiere eben, die an andere Siege vergeben, um selbst die Macht zu behalten, damit jene die Klappe halten, welche nur als Diener dienen, als Trittbretter fungieren, als Schulterklopfer gut funktionieren, um die Fahnen aus Watte dem Winde nach zu drehen, um nach der Jagd die Felle sorgsam abzuziehen, damit die nicht frieren, die sich als Heißsporne sehen und sich ziemen wie Phoenix und doch nie der Asche entsprungen sind, immer sehend geradeaus und für den Seitenweg blind, nie schwiegen um zu lauschen, nie gaben um zu tauschen, nie zweifelten um zu verstehen, um den Weg mit uns gemeinsam zu gehen, die wir nach Erfolg lechzen, ihm alles unterwerfen, damit die Götter auch etwas auf uns abwerfen, damit auch wir die Sieger wären, an die sich die dummen Kälber lehnten, die völlig Ausgehöhlten, die menschgewordenen Trophäen, nach denen sich die Aasgeier sehnen, diejenigen ohne Stolz, ohne alles, aber mit allem wonach sie je strebten, der Nähe zu jenen, die oben von jeher erlebten, weil sie sich unten bedienten, bei denen, die ständig zu bodenständig waren und es auch noch blieben als der aggressive Zeitgeist und seine Jünger längst an der Oberfläche trieben und ihr kalter Wind die Macht berief und erweckte was niemals schlief, was lauerte auf den Moment des Aufwinds, auf freies Geleit, die Re-evolution einer gehäuteten Zeit, die von gestern, ja von vorgestern war, wie der Inhalt einer alten Lade muffig roch, aber als Neuwert für all jene ans Ufer kroch, die es nicht besser wussten und bis heute wissen, bis alle wieder den Anfang vermissen, wo jeder vorgibt anders zu sein und, im positiven, wie im negativen Sinne, kaum gleicher als gleich sein könnte.




SCHATTENSEITE
Wer zu viel grübelt,
denkt irgendwann nicht mehr.



DER EIGENE WILLE
Aber wie es auch ist und sei und war, wie es sein solle und sollte, wie ich es gern hätte und wollte, es ist wie es ist, und du bist was du bist, auch wenn man es durch das stete Wollen schnell einmal vergisst, es bleibt wie es war und es blieb was es ist, das was man so lautstark vermisst nimmt man als Ist-Zustand wahr, dabei ist es meist und immer und schon längst da. Man hält nicht still, weil man will und will und will und will …



STURMHOCH
Ruhe kehrt mit neuen Besen, meint
vor dem Sturm, schweigt lauter als zuvor.
Krieg wäre eine Übertreibung, beschriebe es
mit Getobe, das unablässig wütet.
Einhalt bot einst die Aussicht, hinab
ins Tal der Schlacht, geerdet war der Frust.
Es dreht sich ein Rad, hinauf
zur Gegenwehr, mit unbedingter Wucht.
Kraft sucht seine Energie, war
so reich wie Sand am Strand.
Ein einz’ger seiner Körner reichte, sodann
kehrte Ruhe ein, in meinem sturmhohen Land.



HALT
Im Fallen fallen auch die Fallen, die
sich an Stellen stellen, die mir ein Bein stellen, um
mir bewusst zu machen, was unbewusst bewusst wird, dass
ich halt Halt brauche, halt wie jeder, nicht
allein allein sein kann, allein
das Einsehen zu sehen, kann man nicht sehen, wenn
fällt was gefällt und fehlt was erst fehlt, wenn
es verschwindet, dann schwindet der Schwindel,
der genügt, wenn man sich begnügt mit dem Vergnügen, dass
alles gut ist, gut geht, gut war, gut wird. Also
halt! Halt mich inne und fest bis ich mir bewusst bewusst bin.



FESTER STAND
Ich muss nicht auf der Stelle treten um meinen Standpunkt zu markieren, halte Haltung für eine Geisteshaltung gegen die Enthaltung, Entfaltung tut Not, bis das Blatt aus dem ich gefaltet bin sichtbar wird, damit ich mir ein Beispiel an mir nehmen kann anstatt mich zu verklären, um nicht authentisch sein zu müssen, sondern es zu sein, denn jeder Zacken aus der Krone, jede Leiche im Keller, jeder Stein im Glashaus und jede Taube auf dem Dach wissen besser als jeder schöne Schein und seine Werfer wer ich bis hierhin war und heute bin.



HEILSVERSPRECHEN
Aus Wasser wurde doch kein Wein,
Heilsversprechen sollten versichert sein!